Auf dieser Seite sehen Sie die deutsche Zusammenfassung des Food & Pandemic Reports. Das vollständige, englischsprachige Dokument finden Sie hier.

 

Zusammenfassung

EINLEITUNG: NAHRUNGSMITTEL UND PANDEMIEN – ZUSAMMENHÄNGE ERKENNEN

COVID-19 ist eine von Tieren auf den Menschen übertragene Krankheit (Zoonose), die sich zu einer globalen Pandemie entwickelt hat. COVID-19 wurde im Dezember 2019 erstmals festgestellt und hat seither zu einer globalen und umfassenden Stilllegung aller Bereiche des öffentlichen Lebens geführt. Die Auswirkungen der Krankheit, darunter Hunderttausende Todesopfer sowie schwerwiegende und langfristige sozioökonomische Folgen, sind in der Gegenwart beispiellos. Es ist unklar, wie lange es dauern wird, bis sich weltweit Gesellschaften und Wirtschaftssysteme erholen – oder wie sich die Welt auf lange Sicht verändern wird.

Während die Aufmerksamkeit derzeit vor allem den jetzt wichtigen Notfall- und Eindämmungsmaßnahmen der COVID-19-Krise gilt, richtet dieser Report den Fokus auf die Risikominderung und Prävention künftiger Ausbrüche und befasst sich mit den Grundursachen der Entstehung und Ausbreitung von Zoonosen.

Teil I des Reports beleuchtet den grundlegenden Zusammenhang zwischen der aktuellen COVID-19-Krise und dem globalen tierbasierten Nahrungsmittelsystem. Er zeigt auf, wie unsere Vorliebe für Tierprodukte dazu beiträgt, zoonotische Pandemien zu begünstigen. Dabei sind 3 sich wechselseitig verstärkende Faktoren von Bedeutung:

(1) Die Zerstörung von Ökosystemen und der Verlust von Biodiversität (hauptsächlich verursacht durch landwirtschaftliche Tierhaltung)

(2) Die Verwendung von Wildtieren als Nahrungsmittel

(3) Die Verwendung von Nutztieren für die Ernährung (in der Massentierhaltung)

Teil I zeigt, wie das Risiko zoonotischer Pandemie-Ausbrüche und ihre negativen Auswirkungen mit der steigenden Nachfrage nach tierischen Produkten in der globalisierten Welt von heute zunehmen. Die Autorinnen und Autoren des Reports sprechen sich nachdrücklich für die Transformation des globalen Ernährungssystems aus, um künftige Pandemien zu verhindern.


1. ZOONOTISCHE PANDEMIEN: VIREN, TIERE UND MENSCHEN IN EINER GLOBALISIERTEN WELT

Zoonosen sind Krankheiten tierischen Ursprungs, die auf den Menschen übergesprungen sind. Immer mehr Beweise deuten darauf hin, dass die Zunahme von zoonotischen Pandemien in direktem Zusammenhang mit den zunehmenden Interaktionen des Menschen mit Tieren steht, insbesondere im Hinblick auf die Nahrungsbeschaffung. Unser Appetit auf Fleisch, Eier und Milchprodukte hat uns in immer engeren Kontakt sowohl mit domestizierten als auch mit Wildtieren gebracht, indem wir immer mehr von ihnen auf immer engerem Raum halten und immer stärker in ihre Lebensräume eindringen. Gekoppelt mit der Veränderung der Umwelt durch den Menschen, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass Viren die Artengrenze überwinden und neue zoonotische Krankheiten auftreten.

Etwa 75 % aller neu auftretenden Infektionskrankheiten beim Menschen sind Zoonosen. Zu den bekanntesten zoonotischen Krankheiten gehören SARS, MERS, Ebola, Tollwut und bestimmte Formen der Grippe. Ob sie von Wildtieren stammen, wie bei COVID-19 angenommen wird, oder von sogenannten Nutztieren, wie bei der Vogel- und Schweinegrippe, sie alle stellen eine ernsthafte Bedrohung für die individuelle und globale Gesundheit dar – und verursachen bereits jetzt weltweit mehr Todesfälle als Diabetes und Verkehrsunfälle zusammen.

Mit einer Fallsterblichkeitsrate von 4,7 % ist COVID-19 etwa 47-mal tödlicher als eine normale Grippe – was die Gesundheitssysteme weltweit an ihre Belastungsgrenzen bringt. Sie ist jedoch bei weitem nicht so tödlich wie einige andere zoonotische Krankheiten – wie etwa die Vogelgrippe H5N1 mit einer Fallsterblichkeitsrate von bis zu 60 %. Künftige Ausbrüche könnten nicht nur gefährlicher sein, sondern Expertinnen und Experten sind sich auch darüber einig, dass sie voraussichtlich häufiger auftreten werden. Die Ursachen für diese alarmierende Prognose liegen im menschlichen Handeln – und die wesentlichsten unter ihnen stehen alle im Zusammenhang mit unserem globalen Nahrungsmittelsystem.


2. DREI AKTIVITÄTEN IM ZUSAMMENHANG MIT NAHRUNGSMITTELN, DIE DAS RISIKO ZOONOTISCHER PANDEMIEN ERHÖHEN

In Bezug auf die Haltung und den Verzehr von Tieren gibt es 3 menschliche Aktivitäten, die sowohl das Risiko weiterer Pandemien erheblich erhöhen als auch deren Folgen verschlimmern. Die intensivierte Tierhaltung spielt hierbei eine zentrale Rolle. Denn sie stellt eine massive zoonotische Brutstätte dar, trägt zur Umweltzerstörung, zum Verlust der biologischen Vielfalt und zum Klimawandel bei und ist zudem die Hauptursache für die dramatische Entwicklung von Antibiotikaresistenzen.

(1) Zerstörung von Ökosystemen und Verlust der biologischen Vielfalt

Wir leben inmitten des sechsten Massensterbens und sind mit einem rasanten, globalen Verlust an biologischer Vielfalt konfrontiert. Menschliche Aktivitäten haben mehr als 75 % der Landoberfläche der Erde stark beeinträchtigt und sowohl das Vorkommen als auch die Zusammensetzung von Flora und Fauna erheblich verändert.

Die Viehwirtschaft ist eine der gravierendsten Ursachen für die weltweite Veränderung in der Landnutzung, da Wälder gerodet werden, um Platz für Futterpflanzen und Weiden zu schaffen und so die steigende Nachfrage nach Fleisch zu befriedigen. Dies führt zu massiven Eingriffen in natürliche Lebensräume und zu Biodiversitätsverlusten.

Zusätzlich trägt der Klimawandel auch zu einer häufigeren Übertragung von Krankheitserregern von Tieren auf den Menschen bei. Eine der Hauptursachen des Klimawandels ist die Tierhaltung, die für etwa 16 % der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich ist und gleichzeitig maßgeblich zur Zerstörung der Umwelt beiträgt.

Unsere Vorliebe für Tierprodukte und die damit verbundene Umweltzerstörung bringen uns in immer engeren Kontakt mit Wildtieren und ihren oft unbekannten Krankheitserregern. Dies schafft günstige Bedingungen für die Ausbreitung von Viren und ermöglicht letztlich die Entstehung globaler zoonotischer Pandemien.

(2) Wildtiere als Nahrung

Jedes Jahr werden Millionen Wildtiere aus ihren natürlichen Lebensräumen entnommen – oft illegalerweise. Darüber hinaus werden verschiedene Wildtierarten wie Nerze in unnatürlicher Intensivtierhaltung gehalten.

Der Umgang mit Wildtieren bietet ein Einfallstor für neuartige Krankheitserreger. Bei der Handhabung, Schlachtung oder dem Verzehr von Wildtieren können in den Tieren vorhandene Viren die Artengrenze überwinden. Zu den Krankheitserregern, die durch die Verwendung von Wildtieren als Nahrungsmittel auf den Menschen übertragen wurden, gehören das Ebola- und das Marburg-Virus, HIV, das West-Nil-Virus, verschiedene Grippestämme sowie Coronaviren, die die globalen Pandemien SARS und MERS verursachten. COVID-19 ist das jüngste Ergebnis einer zoonotischen Übertragung durch Wildtiere, an der wahrscheinlich Fledermäuse und Pangoline beteiligt waren.

(3) Nutztiere als Nahrung

Viele Krankheitserreger, die für die menschliche Gesundheit von Belang sind, werden von domestizierten Tieren, die für den menschlichen Verzehr gehalten werden, auf den Menschen übertragen. Krankheiten wie Diphtherie, Masern, Mumps, Pocken sowie durch Rota- und Influenza-A-Viren verursachte Erkrankungen rühren alle von domestizierten Tieren her.

Die Intensivierung der Tierhaltung in landwirtschaftlichen Betrieben und Aquakulturen spielt eine zentrale Rolle und erhöht das Risiko zoonotischer Pandemien dramatisch. Die Intensivhaltung einer großen Anzahl genetisch ähnlicher Individuen auf engstem Raum unter unhygienischen Bedingungen führt bei den Tieren zu gesundheitlichen Problemen und einem hohen Stressniveau. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Krankheitserreger von Wildtieren auf Nutztiere – und letztlich auch auf den Menschen – überspringen. Die industrielle Tierhaltung gleicht einer riesigen Petrischale, die für Viren die perfekten Bedingungen bietet, um sich auszubreiten und Artengrenzen zu überwinden. Jede neue Massentierhaltungsanlage erhöht das Risiko der nächsten Zoonose – und der nächsten zoonotischen Pandemie.

Aufgrund einer wachsenden Weltbevölkerung und eines zunehmenden Wohlstandsniveaus wird die globale Produktion von Fleisch, Eiern, Milchprodukten und Meerestieren aus Intensivtierhaltung bis 2028 voraussichtlich um 15 % steigen.

Obwohl COVID-19 seinen Ursprung nicht in industriellen Betrieben oder Schlachthöfen hatte, hat es dennoch seinen Weg in diese Anlagen gefunden. Durch ihre mannigfaltigen Konsequenzen hat die gegenwärtige Pandemie die große Verwundbarkeit und Anfälligkeit der landwirtschaftlichen Tiernutzung sowie eine Reihe schwerwiegender ethischer und wirtschaftlicher Folgen für Mensch, Tier und das Nahrungsmittelsystem aufgezeigt.


3. ERNÄHRUNGSBEDINGTE KRANKHEITEN UND ANDERE FAKTOREN, DIE PANDEMIE-FOLGEN VERSCHLIMMERN

Zusätzlich zu den Risiken neu auftretender Krankheitserreger gibt es weitere Faktoren, die die Auswirkungen zoonotischer Pandemien weiter verschärfen können, da sie zusätzliche Risiken für die persönliche Gesundheit sowie für unsere Gesundheitssysteme darstellen. Diese Faktoren stehen alle ebenfalls in Zusammenhang mit dem Verzehr und der Haltung von Tieren.

Antimikrobielle Resistenz (AMR)

Weltweit fordern antimikrobiell resistente Infektionserreger jedes Jahr mindestens 700.000 Todesopfer. Die Vereinten Nationen haben die Resistenz gegen antimikrobielle Mittel zu einem globalen Gesundheitsrisiko erklärt und prognostiziert, dass diese Zahl bis 2050 auf jährlich 10 Millionen steigen könnte.

Hauptverantwortlich für die Entwicklung von AMR ist die Tierhaltung. Weltweit werden mehr als 70 % der Antibiotika (einschließlich Reserveantibiotika) in der Massentierhaltung eingesetzt, anstatt zur Behandlung von Menschen. Dies geschieht, um wirtschaftliche Verluste, die aufgrund problematischer Haltungsbedingungen auftreten, zu verhindern sowie das Wachstum der Tiere – und damit die Gewinne – zu steigern.

Da sich multiresistente Bakterienstämme mit alarmierender Geschwindigkeit entwickeln, steht die Welt an der Schwelle zu einer post-antibiotischen Ära. Ohne eine wirksame Behandlung von bakteriellen Sekundärinfektionen drohen bei künftigen Pandemien noch schlimmere Folgen. Das weltweite Gesundheitswesen könnte erneut einer Bedrohung machtlos gegenüber stehen, die als überwunden gegolten hatte.

Ansteckende Krankheiten, die durch Lebensmittel übertragen werden

Neben ihrer Beteiligung an der Verbreitung von Viren und der Entstehung von AMR stellen tierische Produkte auch andere direkte Gesundheitsrisiken dar, welche die Auswirkungen einer zoonotischen Pandemie verschlimmern können. Es gibt eine Vielzahl ansteckender Krankheitserreger, die mit der Herstellung und dem Konsum tierischer Produkte in Verbindung stehen, wie etwa Campylobacter, Salmonellen und Escherichia coli (E. coli) – von denen wiederum viele bereits Antibiotikaresistenzen entwickelt haben.

Nichtansteckende, ernährungsbedingte Krankheiten

Obwohl sich derzeit alle Aufmerksamkeit verständlicherweise auf übertragbare Krankheiten richtet, findet sich in vielen Ländern die größte Belastung für den Gesundheitssektor und die Lebensqualität der Menschen in der Regel anderswo. In Industrienationen sind 9 der 10 häufigsten Todesursachen nichtübertragbare Krankheiten. Statistisch gesehen stellen chronische Krankheiten mit Abstand die größte Pandemie dar. Und weder Social Distancing noch die üblichen Hygienemaßnahmen können davor schützen.

Es gibt immer mehr Belege dafür, dass die Entwicklung ernährungsbedingter chronischer Krankheiten wie Fettleibigkeit (Adipositas), Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie einige Formen von Krebs durch den übermäßigen Konsum von Tierprodukten begünstigt wird. All diese Erkrankungen stellen ernsthafte Bedrohungen für die individuelle und öffentliche Gesundheit dar. Darüber hinaus versetzen sie die Betroffenen während einer Pandemie wie COVID-19 in eine Hochrisikogruppe und erhöhen somit die Belastung für die individuelle Gesundheit sowie das Gesundheitssystem.


FAZIT

Die „Katastrophen-Formel“ ist überraschend einfach: Ein Tier, eine Mutation, ein Mensch und ein Kontakt – mehr braucht es nicht, damit eine globale Pandemie die Welt stillstehen lässt.

Somit erweist sich die Nutzung von Tieren zu Nahrungszwecken – insbesondere die Massentierhaltung – als riskanteste menschliche Aktivität im Zusammenhang mit Pandemien und als eine der riskantesten Verhaltensweisen im Hinblick auf das langfristige Überleben der menschlichen Zivilisation.

Daher gilt es, Zusammenhänge zu erkennen – zwischen unserem veralteten globalen Ernährungssystem, der aktuellen Krise und möglichen künftigen Pandemien. Denn dies ist ein entscheidender erster Schritt, um die Grundursache von Pandemien in den Blick zu nehmen und Ansätze zur Verhinderung künftiger Ausbrüche zu finden. Die Transformation des globalen Ernährungssystems – indem tierische Produkte durch pflanzliche und kultivierte Alternativen ersetzt werden – bietet eine Lösung für eine Vielzahl drängender Probleme. Denn eine Ernährungswende reduziert nicht nur das Risiko künftiger Pandemien, sondern trägt auch zur Entschärfung weiterer globaler Krisen wie Klimawandel, Welthunger und Antibiotikaresistenz bei.

Teil II des Reports zu Nahrungsmitteln und Pandemien (Veröffentlichung im ersten Quartal 2021) gibt einen detaillierten Überblick über Lösungsansätze. Es werden bereits stattfindende, ermutigende Entwicklungen ebenso wie neue Chancen aufgezeigt und schließlich konkrete Forderungen formuliert, um Entscheidungsträgerinnen und -träger zum Handeln anzuregen und ein nachhaltiges und sicheres Ernährungssystem zu schaffen.

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