Interviews

Vegane Alternativen für die Landwirtschaft – Daniel Hausmann im Interview

Bildquelle: Unsplash.com / Meghan Schiereck

Nicht nur Umwelt- und Tierschutzaspekte sprechen für eine Reduktion der Kuhmilchproduktion und die Umstellung auf pflanzliche Alternativen. Seit Jahren produzieren die Industrienationen weitaus mehr Kuhmilch, als nachgefragt wird – zulasten von Bäuerinnen und Bauern weltweit. Landwirt Daniel Hausmann hat die Kuhhaltung aufgegeben und baut heute Getreide und Gemüse an.

Immer mehr kleine landwirtschaftliche Betriebe müssen schließen

Die globale Überproduktion von Kuhmilch führt zu einem kontinuierlichen Preisverfall auf dem Weltmarkt, was wiederum dazu führt, dass immer mehr Landwirtinnen und Landwirte ihre Betriebe aufgeben müssen. Während die Milchproduktion in den letzten 30 Jahren zugenommen hat, ist die Zahl der sogenannten Milchviehbetriebe in Australien um 63 %, in den USA um 75 % und in der EU um 81 % gesunken. 1Dairy Australia Limited (2018): Australian Dairy Industry In Focus 2018. available at: https://www.dairyaustralia.com.au/publications/australian-dairy-industry-in-focus-2018?id=B81A5CE26AAE4C0F898E8F3BFF0014D9 [21.06.2019] 2Blayney, D.P. (2002): The Changing Landscape of U.S. Milk Production. Statistical Bulletin 978, Economic Research Service, United States Department of Agriculture. available at: https://www.ers.usda.gov/webdocs/publications/47162/17864_sb978_1_.pdf?v=41056 [25.06.2019] 3USDA (2018): Milk Production. National Agricultural Statistics Service. available at: https://release.nass.usda.gov/reports/mkpr0218.pdf [25.06.2019] 4Choplin, Gérard (2019): Overproduction of milk: Here and there. dairy farmers are being milked dry. SOS Faim Belgium and Oxfam-Solidarity Heute wird Kuhmilch vor allem von industriellen landwirtschaftlichen Großunternehmen produziert.

Milchpulver-Exporte aus der EU schädigen ausländische Märkte

Mit 145 Millionen Tonnen im Jahr 2018 ist die EU der weltweit führende Produzent von Kuhmilch. Das ist jedoch viel mehr, als die Europäerinnen und Europäer tatsächlich konsumieren. Die überschüssige Kuhmilch wird zu Milchpulver verarbeitet und vor allem nach Westafrika exportiert. Dort dominiert das billige Milchpulver die lokalen Märkte und hindert die afrikanischen Bäuerinnen und Bauern daran, wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erlangen. Diese Praxis wird auch von verschiedenen Organisationen wie Oxfam und SOS Faim, die sich für Menschenrechte und nachhaltige Landwirtschaft einsetzen, heftig kritisiert.5Choplin, Gérard (2019): Overproduction of milk: Here and there. dairy farmers are being milked dry. SOS Faim Belgium and Oxfam-Solidarity Das bedeutet, dass nicht nur Kühe und Umwelt Opfer einer hohen Kuhmilchproduktion sind, sondern auch die Bäuerinnen und Bauern weltweit.

Zustände bei der Kuhhaltung in der Milchproduktion

In der Massentierhaltung müssen die intelligenten, sozialen und leidensfähigen Milchkühe oft unangenehme und stressige Haltungsbedingungen ertragen.

Ein Landwirt stellt auf pflanzliche Güter um

Die Umstellung auf eine nachhaltige Produktion pflanzlicher Lebensmittel kann einen Teil zur Lösung der oben genannten komplexen Probleme beitragen. ProVeg sprach mit dem Landwirt Daniel Hausmann aus Deutschland darüber, wie eine solche Transformation aussehen könnte und welche landwirtschaftliche Alternativen es zur Milchproduktion gibt. Hausmann studierte Ökolandbau und Vermarktung und übernahm 2012 den Familienbetrieb seines Vaters. Nach der Übernahme des Hofs stellte er den Betrieb um. Nun baut er Getreide und Gemüse an.

Der vegane Ernährungsteller

Der Ernährungstelle gibt in einfacher Form eine ausführliche Anleitung, um eine bestmögliche und gesunde Nahrungsmittelauswahl zu treffen.

Daniel, du hast euren landwirtschaftlichen Familienbetrieb von einer Kuhhaltung auf die Produktion von Getreide und Gemüse umgestellt. Wie kam es zu dieser Entscheidung? Und war es eine große Umstellung für euch?

Neben der Kuhhaltung war der Getreideanbau bereits Teil des Betriebs, als ihn noch meine Eltern geführt haben. Als ich den Betrieb übernommen habe, bin ich relativ zeitgleich vegan geworden und da hat es für mich natürlich keinen Sinn mehr gemacht, Kühe zu halten. Dadurch, dass wir aber verhältnismäßig wenig Land hatten, brauchten wir eine andere Einnahmequelle. Und da ich Gemüse sowieso gern anbaue, habe ich mich dazu entschieden, statt der Kuhhaltung Gemüse anzubauen. Die Tiere haben wir dann verkauft und ich habe recht naiv einfach Jungpflanzen und Saatgut gekauft und mit dem Gemüseanbau losgelegt. Vor allem am Anfang müssen natürlich immer viele Investitionen gemacht werden, für Maschinen, Folientunnel oder Lieferwagen zum Beispiel. Das kostet erstmal viel Geld. Doch es ist immer mehr gewachsen und jetzt sind wir da, wo wir sind. Mittlerweile hat sich der Gemüseverkauf in der Region etabliert und wir sind zufrieden damit, wie es läuft.

Du hast dich nicht nur von der Tierhaltung verabschiedet, du nutzt auch für den Anbau deiner Pflanzen keinerlei tierischen Dünger mehr. Stattdessen setzt du auf bio-vegane Landwirtschaft. Kannst du uns erklären, was genau das ist und wie es funktioniert?

Der Hauptunterschied ist, dass im konventionellen Anbau mit chemisch-synthetischem Stickstoffdünger gearbeitet wird. Der wird mit viel Energieaufwand hergestellt, ausgebracht, ist leicht löslich und geht dadurch auch schnell in das Grundwasser. Im biologischen Anbau geht man davon weg und der Stickstoff wird mit Leguminosen hergestellt. Das ist eine spezielle Pflanzengruppe, die es schafft, mit Bakterien den Stickstoff aus der Luft zu binden und für die Pflanzen verfügbar zu machen, um so die Bodenfruchtbarkeit aufzubauen. Im herkömmlichen Biolandbau wird dieses angebaute Gemenge aus Leguminosen und Gräsern, sogenanntes Kleegras, dann an Rinder verfüttert. Im bio-veganen Landbau wollen wir keine Rinder nutzen, wir können sie aber auch nicht einfach weglassen, sondern wir müssen sie ersetzen. Das heißt, das Kleegras muss trotzdem angebaut werden und man muss sich dann überlegen, was man damit machen möchte. In unserem Fall haben wir uns für Kompost entschieden. Wir kompostieren den Aufwuchs und verwenden diesen dann als Dünger für unsere Felder. Und dieser pflanzliche Dünger hat auch nicht mehr oder weniger Wirkung als Rindermist, denn die Kuh selbst produziert keine Nährstoffe, sondern wandelt die Stoffe aus dem Futter lediglich um und macht sie als Düngemittel verfügbar.

Eine andere Alternative zu der Kuh wäre es, mit dem Kleegras eine Biogasanlage zu betreiben. Das wäre quasi die mechanische Kuh, denn die Biogasanlage macht nichts anderes als Reststoffe irgendwie weiter verwertbar zu machen. Die Pflanzen vergären zu Biogas und das wiederum kann zur Strom- und Wärmeerzeugung oder als Biokraftstoff für Fahrzeuge genutzt werden. Und in Bezug auf die Treibhausemissionen ist eine Biogasanlage auch umweltfreundlicher als Rinderhaltung.

Ist Milch gesund?

ProVeg informiert, weshalb der Konsum von Milch überdacht werden sollte und welche Vorteile pflanzliche Milchalternativen bieten.

Würdest du anderen Landwirtinnen und Landwirten ebenfalls empfehlen, von der Tierhaltung zur Produktion pflanzlicher Nahrungsmittel zu wechseln?

Das kommt natürlich ganz auf den Betrieb an. Wenn eine Landwirtin oder ein Landwirt tatsächlich nur Rinder und Grünland besitzt, wird das schon eine Herausforderung. Trotzdem kann ich es nur empfehlen, um Tierleid zu mindern und die Umwelt zu schützen. Wobei es in diesem Kontext oft schwierig ist, von Tierleid zu sprechen, denn egal mit welcher Landwirtin oder welchem Landwirt man spricht, jeder wird dir sagen, dass es den eigenen Tieren gut geht. Daher würde ich gegenüber Landwirtinnen und Landwirten eher so argumentieren, dass es eine große Zeitersparnis ist. Sich um Tiere wirklich gut zu sorgen, kostet enorm viel Zeit und Energie. Eine Pflanze kann ich auch einfach mal allein lassen. Und vor allem bei der Tierhaltung beschweren sich ohnehin alle darüber, dass es kein Geld einbringt. Dann kann ich auch Gemüse anbauen. Natürlich muss man auch bedenken, dass viele Landwirtinnen und Landwirte große Investitionen getätigt haben und Kredite abbezahlen müssen, da ist eine Umstellung nicht von heute auf morgen möglich. Hier ist es wichtig, einen Plan zu haben, also eine Perspektive, wohin sich der Betrieb entwickeln kann.

Eine Möglichkeit wäre es, nicht weiter in die tierische Landwirtschaft zu investieren und gleichzeitig den Anbau von Pflanzen aufzunehmen. Dafür bieten sich vor allem Pflanzen an, die eine hohe Wertschöpfung pro Fläche haben, wie es beispielsweise bei Gemüse der Fall ist. So können mit überschaubaren Investitionen auf kleiner Fläche relativ hohe Erträge erzielt werden. Eine andere Möglichkeit für die Landwirtinnen und Landwirte ist die Landschaftspflege, die eine wichtige Rolle für den Erhalt der Artenvielfalt spielt und meist über staatliche Gelder finanziert wird. Aber auch andere Dienstleistungen wie Winterdienst oder Bewirtschaftung kommunaler Waldflächen sind möglich. Das sind alles Dinge, die von Betrieb zu Betrieb und von Landwirt zu Landwirt sehr individuell entschieden werden müssen. Da muss für jeden eine passende Lösung gefunden werden, aber ich bin davon überzeugt, dass es die auch gibt.

Vielen Dank, Daniel!

Der Pflanzenmilch-Report

Der erste Report von ProVeg zum Thema Pflanzenmilch nimmt das meistverkaufte Produkt im gesamten Markt für pflanzliche Alternativen genauer unter die Lupe.

Quellen

Quellen
1 Dairy Australia Limited (2018): Australian Dairy Industry In Focus 2018. available at: https://www.dairyaustralia.com.au/publications/australian-dairy-industry-in-focus-2018?id=B81A5CE26AAE4C0F898E8F3BFF0014D9 [21.06.2019]
2 Blayney, D.P. (2002): The Changing Landscape of U.S. Milk Production. Statistical Bulletin 978, Economic Research Service, United States Department of Agriculture. available at: https://www.ers.usda.gov/webdocs/publications/47162/17864_sb978_1_.pdf?v=41056 [25.06.2019]
3 USDA (2018): Milk Production. National Agricultural Statistics Service. available at: https://release.nass.usda.gov/reports/mkpr0218.pdf [25.06.2019]
4, 5 Choplin, Gérard (2019): Overproduction of milk: Here and there. dairy farmers are being milked dry. SOS Faim Belgium and Oxfam-Solidarity

Last updated: 07.05.2020

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